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Stand: 23.07.2014

Pressemitteilung

Multiproblem-Familien helfen

Martin SegerDer Psychologe Martin Seger sprach über seine Erfahrungen mit Multiproblem-Familien. Foto: Peter Esser

In vielen Erziehungsberatungsstellen nehmen die Anmeldungen von sogenannten Multiproblem-Familien zu. Auskünfte dazu gibt der Diplom-Psychologe und Psychologische Psychotherapeut Martin Seger von der Erziehungsberatung der Caritas in Nürnberg-Langwasser.

Herr Seger, aus welchen gesellschaftlichen Schichten kommen die Klienten der Erziehungsberatungsstellen der Caritas?
Aus allen. Bei uns im sozialen Brennpunkt Nürnberg-Langwasser kommt über die Hälfte aus einkommensschwachen Familien sowie solchen mit Migrationshintergrund, bei denen also zumindest ein Elternteil aus einem anderen Land stammt.

In welchem Ausmaß haben "Multiproblem-Familien" zugenommen?

Das wird unter diesem Begriff nicht speziell erfasst. Doch dass sie zugenommen haben, ist offensichtlich: Denn erstens sind die Fälle von Kindeswohlgefährdung in Deutschland stetig gestiegen, zwischen 2018 und 2019 um weitere zehn Prozent. Zweitens haben Hilfen zur Erziehung wie Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaft oder die Unterbringung in einer Heilpädagogischen Tagesstätte zugenommen. Drittens stellen wir eine Steigerung gefühlter relativer Armut bei Familien fest, die sich abgehängt fühlen. Und viertens kommen immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund: Bei uns in Langwasser ist ihr Anteil in den letzten zehn Jahren von 40 auf 50 Prozent gestiegen.

Was kennzeichnet Multiproblem-Familien?
Sie haben ein ganzes Gemenge an oft miteinander verbundenen Schwierigkeiten: zum Beispiel Beziehungsprobleme in der Familie - auch mit verbaler und körperlicher Gewaltanwendung -, Schwierigkeiten als Alleinerziehende, eine fehlende Großfamilie, dann finanzielle Probleme, etwa aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Geringverdienst, ein schlechtes Wohnumfeld - hier in Langwasser etwa durch viele Hochhäuser, eine große Anonymität und teilweise Verwahrlosung. Manche Eltern leiden auch an psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen. Nicht selten übertragen sich diese Probleme von einer Generation auf die nächste. Wenn Kinder von Eltern kommen, die auch schon bei uns waren, freut uns das einerseits, denn es zeigt, dass die Familien unsere Beratung brauchen und schätzen. Doch andererseits betrübt es uns natürlich auch.

Wer leidet am meisten?
Die Kinder. Sie können nichts an den belastenden Bedingungen ändern, sondern sind abhängig von ihren Eltern. Ein Achtjähriger kann schließlich nicht sagen: "Ich ziehe jetzt mal aus." Nicht selten übernehmen schon Kinder Verantwortung im Haushalt oder für ihre Geschwister, obwohl sie damit überfordert sind.

Könnten den Kindern auch andere Bezugspersonen helfen?

Das könnten Erzieherinnen und Erzieher in der Kita oder Lehrerinnen und Lehrer sein. Allerdings können die Kinder diese immer schwerer finden, weil es häufig in modernen Einrichtungen offene Strukturen statt eines verlässlichen und überschaubaren Rahmens gibt. In solchen Umgebungen ist das einzelne Kind oft überfordert - auch von vielen Angeboten. Häufig fehlt ihm eine Rückzugsmöglichkeit in einer kleinen Gruppe mit konkreter Bezugsperson. In dieser Hinsicht haben wir die Teilung von Klassen während des ersten Lockdowns eher als positiv erlebt. In dieser Zeit gab es bei unserer Beratungsstelle weniger Anmeldungen von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten als sonst.

Wird aus Ihrer Sicht genügend und richtig zum Wohl von Multiproblem-Familien investiert?

Es müsste wesentlich mehr für Prävention getan werden. Allerdings ist es auch manchmal gar nicht so einfach, diese belasteten Familien zu erreichen. Wir haben an unserer Stelle gerade für "Multiproblem-Familien" einen Kurs für werdende Eltern angeboten, doch da kamen dann überwiegend Väter und Mütter, die den gar nicht so sehr gebraucht hätten.

Welchen Anteil haben soziale Medien an dem Problem?

Dadurch, dass sich die Familien beim Austausch über diese Medien mit anderen vergleichen können, steigt bei ihnen leider nicht selten das Gefühl des Abgehängtseins. Außerdem senken diese Medien aufgrund der Anonymität die Hemmschwelle für Beschimpfungen, Beleidigungen und Ausgrenzungen anderer.

Was motiviert Sie bei dieser Arbeit?
Für unsere Fälle gibt es Gott sei Dank keine strikten zeitlichen oder finanziellen Vorgaben. So können wir nachhaltig arbeiten, egal wie viele Fachleistungsstunden für eine Familie anfallen. Im Durchschnitt sind das rund 15, in problematischeren Fällen aber auch deutlich mehr. Ferner kommt uns zugute, dass wir ein Caritas-Netzwerk haben und so zum Beispiel Klienten unkompliziert an andere Beratungs- und Hilfedienste vermitteln können. Und motivierend ist auch, wenn Klienten sagen: "Ich bin froh, dass ich zu Ihnen kommen kann."